Kann das richtige Outfit deine Karriere beeinflussen? Hinweise auf die Antwort finden sich in der Modegeschichte schon seit den 1920ern.
Es gibt einen Grund, warum wir morgens so lange bei der Wahl des Outfits überlegen. Die Kleidung soll uns nicht nur kleiden, sondern auch selbstbewusster machen.
In den 1980er Jahren wurde so „Power Dressing“ groß gemacht. Donna Karan und andere Designer prägten den Stil, bei dem Schulterpolster und Hosenanzüge Autorität und Ernsthaftigkeit ausstrahlen sollten. Heute ist die Arbeitswelt eine andere; es gibt Home Office, Causal Fridays und „Bring your whole self to work“. Ist Power Dressing da noch relevant?
Die Wissenschaft und Styling-Trends lassen darauf schließen, dass ja.
Die Wissenschaft hinter „Dressed for Success“
Die Sozialforschung beweist, dass Kleidung unser Verhalten und unsere Wahrnehmung beeinflusst.
Enclothed Cognition bedeutet, dass unsere Wahrnehmung und unser Verhalten systematisch von unserer Kleidung beeinflusst wird. In einer berühmten Studie der Northwestern University trugen Teilnehmer einen weißen Kittel. Diejenigen, denen man sagte, es sei ein Arztkittel, zeigten signifikant bessere Aufmerksamkeitsleistungen als jene, die glaubten, einen Malerkittel zu tragen – obwohl es derselbe Kittel war. Also verändert Kleidung nicht nur, wie andere uns sehen, sondern auch, wie wir uns selbst wahrnehmen und performen.
An der Columbia University führten Forscher ein weiteres Experiment durch: Sie teilten Probanden in zwei Gruppen. Die eine Gruppe trug formelle Business-Kleidung, die andere erschien in Freizeitkleidung (Jeans, T-Shirts, Sneakers). Beiden Gruppen wurden dieselben kognitiven Aufgaben gestellt. Die formal gekleideten Teilnehmer zeigten signifikant bessere Leistungen beim abstrakten, strategischen Denken. Die Forscher vermuten, dass formelle Kleidung eine mentale Einstellung von Macht und Distanz aktiviert, was abstrakteres Denken fördert.
Eine dritte Studie ließ Männer in Anzügen gegen Männer in Jogginghosen verhandeln. Die gut Gekleideten erzielten nicht nur bessere Ergebnisse, bei ihnen stieg auch der Testosteronspiegel messbar. Ihre Verhandlungspartner nahmen sie als dominanter wahr und fühlten sich selbst weniger machtvoll. Kleidung wirkt also in beide Richtungen: Sie verändert den Träger und beeinflusst gleichzeitig, wie andere auf ihn reagieren.
Chanel als Mutter der Schulterpolster
Die Wurzeln des Power Dressings reichen aber weiter zurück als 1980. Laut Wikipedia entwarf Coco Chanel bereits in den 1920er Jahren ihren berühmten Anzug als bewusste Antwort auf die Bedürfnisse der arbeitenden Frau. Auch nach dem Ersten Weltkrieg brauchten Frauen in der Arbeitswelt Kleidung, die sie ernsthaft wirken ließ und bequem war.
In den 1970er Jahren wurde „Power Dressing“ als Begriff geprägt. Der amerikanische Autor John T. Molloy veröffentlichte 1975 „Dress for Success“ und 1977 „The Woman’s Dress for Success Book“ (das 1996 als „New Woman’s Dress for Success“ neu aufgelegt wurde und immer noch auf Amazon zu haben ist). Molloy vertritt die These der Kleidung als Werkzeug. Wer erfolgreich sein will, muss sich strategisch kleiden.
Neutralisierung der Weiblichkeit vs. Authentizität
Figuren wie Margeret Thatcher oder auch die Power Dressing-Styles einer Lady Di sollten auch Weiblichkeit neutralisieren, um in einer Männerwelt ernst genommen zu werden. So sollten die Oversized-Blazer auch weibliche Formen kaschieren und neutrale Farben die Aufmerksamkeit auf die Kompetenz lenken. „Fast foward“ durch die 2000er und 2010er und der Erfindung des Business Casual, hin zu der Arbeitswelt der 2020er, die Individualität nicht nur toleriert, sondern fast aktiv einfordert.
Was bedeutet das für Power Dressing heute?
Ich schlage folgende Formel vor:
Power Dressing = Komfort + Selbstausdruck + strategische Signale.
Es geht weniger darum, in ein Schema zu passen, und eher darum, mit Kleidung drei Dinge zu erreichen:
- Sich wie man selbst fühlen: In seiner Haut (und den Kleidern) authentisch sein
- Die richtigen Signale senden: Ob wir es wollen oder nicht: Menschen bilden sich innerhalb von Sekunden einen ersten Eindruck. Deine Kleidung kommuniziert – bewusst oder unbewusst – wer du bist und wie ernst man dich nehmen sollte.
- Sich einen psychologischen Boost geben: Sich mit seinen ganz eigenen „Wunderwaffen“ eine Aura der Unschlagbarkeit herbeizaubern.
Power Dressing heute ist vielfältiger. Die Blazer und Hosenanzüge funktionieren heute wie 1980, „with a twist“.
Farben: Während die 80er auf Schwarz, Grau und Navy setzten, dürfen heute auch sanfte Pastelltöne, warme Off-Whites oder gedeckte Erdtöne Autorität ausstrahlen.
Schnitte: Wer mag, kann Oversized tragen, und so Selbstbewusstsein, mit einem gewissen Augenzwinkern, signalisieren.
Accessoires: Cindy Crawford trug 1986 ihren Power-Dressing-Blazer mit einem Halstuch. Lady Di ihren Plaid-Blazer mit schwarzem Beret. Die britische Managerin und Autorin Helena Morrissey machte Luxus-Broschen zu ihrem Signature Look. Kleine Elemente können Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Professionalität signalisieren.
Stoffe: Bei Power-Blazern oder den Tops darunter sehen knitterfreie Baumwolle und fließende moderne Stoffe (wie Bambus-Viskose) nach Kompetenz aus.
Praktische Tipps: So nutzt du Power Dressing für dich
1. Definiere deine persönliche Power-Uniform. Was sind die Teile in deinem Kleiderschrank, in denen du dich unschlagbar fühlst? Identifiziere sie und baue darauf auf.
2. Investiere strategisch. Lieber drei hochwertige Basics als zehn mittelmäßige Teile. Qualität spürt man – und sieht man.
3. Experimentiere mit „Power-Ankern“. Finde ein Kleidungsstück oder Accessoire, das dir sofort Selbstvertrauen gibt. Trage es an wichtigen Tagen – Präsentationen, Verhandlungen, schwierigen Gesprächen.
4. Achte auf den Kontext. Ich erinnere mich an eine internationale Konferenz, auf der fast jeder leger gekleidet war – außer ein Delegate. Statt ihn als Manager anzusehen, hielt ich ihn eher für die Bedienung! Auf einem Jubiläumstreffen von Klassenkameraden war ich diejenige, die zu formell gekleidet war als die anderen – ein Wort zum Dresscode der Organisatoren hätte Fauxpas vermeiden können.
5. Versuchs mal mit Gemütlichkeit. Wenn deine Bluse zwickt, wirst du nicht deine beste Leistung bringen. Punkt.
Power Dressing ist heute genauso relevant wie 1980. Kleidung wird zum „Power Dress“ nicht nur durch Blazer, sondern auch durch die psychologische Kraft der Kleidung. Durch die bewusste Wahl von Kleidern und Accessoires können wir unser eigenes Verhalten, das Verhalten der anderen uns gegenüber, und unser Befinden beeinflussen.
Probiere es diese Woche mal aus!